(zum Auflegen)

von Dorothee Haarer

Schamanismus  bis hinter den Röstigraben

Bindungslos, haltlos, ohne Nähe zu irgendwas scheint der homo technologicus des 21. Jahrhunderts durch seine Umwelt zu taumeln. Der Respekt gegenüber der Natur, die ihn umgibt oder die Rückbesinnung auf die Historie, die seine Entwicklung bestimmt, scheinen verloren. Und doch erfüllt  ihn eine ewige Sehnsucht: Das Im-Einklang-leben mit seiner Umwelt.
Der Künstler Stefan Rohner befasst sich seit langem mit diesem Thema. Dafür hat er Museen durchstöbert, Eindrücke gesammelt und recherchiert. Er ist auf viele Verfahren gestossen, die der Mensch sich angeeignet hat, um den Geheimnissen des eigenen Bewusstseins, der Zukunft und der Welt in ihrer Gesamtheit auf den Grund zu gehen. Und er hat ein Phänomen entdeckt, bei welchem Mensch und  Natur noch harmonieren, wo Traditionen geachtet und Vergangenheit beachtet wird: Den Schamanismus und seine Rituale. Schamanen sind spirituelle Spezialisten. Man findet sie man von Grönland bis ins Amazonasgebiet. In fast allen Regionen setzen sie ihre besonderen Fähigkeiten ein, um die Zukunft zu deuten, Heilkunst zu praktizieren oder Kontakte ins Jenseits herzustellen – dies alles für das Wohl der Gemeinschaft.
Sie üben dafür rund um den Globus sehr ähnliche Praktiken aus. Das Zubereiten pflanzlicher Tränke zur Bewusstseinserweiterung,  Tanz und Gesang, Rauch und Trance spielen eine Rolle. Und immer geht es in weiten Teilen um das Kommunizieren mit der Natur, um das Urtümlich-Wilde und um das Pflegen von Traditionen und Althergebrachtem.

Vielzahl von Aspekten
In seiner fünfteiligen Installation Sauvage – Recherche hinter dem Röstigraben  greift Stefan Rohner eine Vielzahl dieser Aspekte auf. Darüber hinaus bindet er die Figur «Le Sauvage», den Wilden Mann – eine im Kanton Fribourg existierende Sagengestalt – sowie Elemente aus anderen Epochen und Kulturen in seine Arbeiten ein. Vor diesem Hintergrund sind im Verlauf von drei Monaten Werke entstanden, die auf den ersten Blick verwirren und fragend machen. Beim näheren Betrachten offenbaren sie sich dem Rezipienten jedoch Stück für Stück als Auseinandersetzung mit Natur und Tradition.

Funken der Vergangenheit
Auf einer Wand hat der Künstler eine Reihe von Fotografien komponiert. Eigene und solche aus Archiven. Hier findet man ein Porträt, auf dem der Künstler zu sehen ist: Er kauert neben einem Gorilla-Skelett und übernimmt dessen Pose. Manch anderes Bild zeigt Motive aus der Region um Fribourg: Den «Sauvage» als Wappenschild oder die pelzigen und karnevalesk-beunruhigenden Mensch-Tier-Masken der «Rababou». Das ein oder andere Foto hat Rohner auch bearbeitet. Etwa die Abbildung eines Hodler-Gemäldes: Ein Rind, dem der Künstler die Umrisslinien einer Figur auf den Rücken geworfen hat – eine Reminiszenz an ägyptische Totengott-Darstellungen. An anderer Stelle dann ein «Heiliger Sebastian», der durch Rohners Eingriff mit roten Pfeilen im Brustkorb attackiert wird.
Kann jedes Bild für sich als Funke der Vergangenheit verstanden werden?  In seiner Wandkomposition lässt Stefan Rohner ganz unterschiedliche Regionen, Epochen und Kulturkreise aufflackern … kurz vor dem Erlöschen. Vielleicht richtet er an den Betrachter die Frage: Wie gehst du mit diesen Zeitdokumenten um? Was bedeuten sie dir?

Von Pfeilen durchdrungen
Das Motiv der Pfeile, wie es am «Heiligen Sebastian» zu finden ist, zieht sich weiter durch den Ausstellungsraum. Explizit zeigt es sich an der Pfeilbogen-Sack-Skulptur, die Stefan Rohner und die Künstlerin Mirjam Kradolfer während einer Performance erschaffen haben. Weniger prägnant,  dafür vital, erfährt man es bei der filmischen Wiedergabe eben dieser Performance, die in der Video-Skulptur «Le Sauvage»  zu sehen ist.
Das Video zeigt – neben Sequenzen mit Tiermasken, Flussfahrten und teilweise mit Sensler-Dialekt hinterlegten Passagen – Kradolfer und Rohner, die in Fellbekleidung Pfeile schiessen. Die Geschichte von Pfeil und Bogen geht Jahrtausende zurück.

Performance mit Tradition
Die beiden Künstler überführen das Pfeilschiessen in die Moderne.  Sie muten dabei urzeitlich an, in ihrer Fellbekleidung. Kontrapunktierend reichern sie ihre Tätigkeit allerdings mit neuzeitlichen Inhalten an: Schiessen als Sportart, die mental herausfordernd ist und wo man unkonzentriert schnell sein Ziel verfehlt. Auch werfen sie einen Blick auf kunsthistorische Vorläufer wie Niki de Saint Phalle und Jean Tinguely. Denn auch diese haben (in den 1960ern) bei der Performance «Les Tirs» auf Objekte geschossen. Damals mit Gewehren und der Idee, die Gewalttätigkeit ihrer Umwelt anzuprangern.

Was war, was ist, was wird
Traditionen, Rituale, archaische Elemente, Tiersymbole – das alles spielt bei den beschriebenen Arbeiten Rohners eine Rolle. Gleiches gilt für die «Tarot-Karten» und die 70 x 100 cm grosse Fotografie «Mein letztes Ilfochrom». Auf den ersteren finden sich, abgeleitet von den Symbolen typischer Tarot-Karten, Bilder, die aufscheuchen: Menschliche Beine wachsen da aus einem Vogelleib, ein Stierkopf ragt aus männlichem Brustkorb, Frauenhände formen eine Sonnenscheibe. Beim «letzten Ilfochrom» hingegen findet man die bereits vertrauten Gestalten Kradolfers und Rohners in einem blaugrünen Dschungel. Ist es der Dschungel der Amazonas-Schamanen? Was tun die Affengestalten hinter den Menschen? Haben Mensch und Tier endlich zu einem wunderbaren Miteinander gefunden. Oder treiben die Künstler nach dem Genuss eines Schamanen-Tranks durch eine Geisterwelt, die ihnen die Sinne erweitert und zu neuen Bewusstseinsstufen beflügelt?

Sich selbst nachspüren
Hier schliesst sich der Kreis in Rohners Installation: Der Kunst konsumierende homo technologicus erhält vom Künstler den Anstoss,  mit diesem in eine facettenreiche Welt einzutauchen, sich selbst nachzuspüren,  und offen zu sein für Fragen nach Tradition, Wahrnehmung und Umwelt, Herkunft und Zukunft.  Eine endgültige Antwort auf alles, was sich dem Betrachter in Rohners Installation aufdrängt, sprichwörtlich der «Weisheit letzter Schluss», bleibt aus.

 

Das Projekt ist entstanden mit der freundlichen Unterstützung von Mirjam Kradolfer, Armin Zollet, Françoise Kern-Egger, Seppi Corpataux sowie APCd Fondation, Noémi Morel, Philippe Clerc, Pierre Eichenberger und Alain Hunziker. Ihnen allen ein herzliches Dankeschön.

www.obacht.ch

von Ursula Badrutt

Mirjam Kradolfer, Stefan Rohner:
«Gestreifte Anzüge sind wieder modern», 2014.

Filmstill aus gleichnamigem Videoloop (mit Sound von nomadton, Sven Bösiger und Patrick Kessler), gedruckt auf …

Immer wieder eine Linie ziehen / um darauf zu tanzen. Das Gedicht von Werner Lutz könnte der performativen Arbeit von Stefan Rohner und Mirjam Kradolfer Pate gestanden haben, zumindest legt es einen Tanzteppich der Seelenverwandtschaft aus. Mirjam Kradolfer und Stefan Rohner ziehen Linien, lassen sie zur Metamorphose ihrer selbst wachsen, lassen sich von ihnen verwandeln, sie verwachsen im Paartanz zum Zebra. Statt Ballettschuhe tragen sie Gummistiefel, die Linien sind Zebrastreifen. Und wenn sie rücklings im Schnee liegen und zur Rolle in der Rolle ansetzen, könnten sie auch der Käfer von Franz Kafka sein. Es ist die Ernsthaftigkeit von gutem Slapstick, die Leichtigkeit von Humor und die Lust am Tun, die in „Gestreifte Anzüge sind wieder modern“ zum Tragen kommen. Inspiriert von der Komik in den Stummfilmen von Charlie Chaplin oder Buster Keaton spüren sie der Tragweite von Bildern des Lebens im Schutze der Kunstbühne nach. Der Tanz hat Stefan Rohner seit Bub begleitet. Seine ältere Schwester Regula hat sich in Herisau bei Sigurd Leeder zur Tänzerin, Choreografin und Tanzpädagogin ausbilden lassen und lehrt heute unter dem Namen Rée de Smit an der Hochschule in Ottersberg. Während seiner Ausbildung zum Fotografen in Fribourg habe er sich auf der Bühne als Tänzer ausgetobt, erinnert er sich. Der Bubentraum vom Tänzersein schwingt bis heute mit, wenn Stefan Rohner vor der Kamera als Performer auftritt. Der Angst vor Lächerlichkeit und der Zielstrebigkeit des Erfolgreichen stellt der die Komik des Alltags und die Ironie des Melancholikers entgegen. Oder eben die Zebrarolle im Zirkus. In der Künstlerin Mirjam Kradolfer hat er für die jüngsten, gemeinsam konzipierten und durchgeführten Arbeiten ein kongeniales Gegenüber gefunden, eine Partnerin für die inszenierten Fotografien und performativen Versuche vor der Kamera. Auch sie ist seit Kind fasziniert vom Ballett und wollte Clown werden. Das Interesse an Geste, Mimik, Pose fliesst in ihr künstlerisches Schaffen mit den fotografischen Inszenierungen ein.

Stefan Rohner, geboren 1959, ist in Herisau aufgewachsen und lebt in St.Gallen. Mirjam Kradolfer, geboren 1979, lebt und arbeitet in St.Gallen und Uhwiesen. (ubs)

St.Galler Tagblatt | 3. Juni, 2010

von Kristin Schmidt

Wolkeneisberg auf dem Wasser

Stefan Rohner zeigt zum Auftakt der Serie «Rendez-vous Ostschweizer Kunstschaffender» aktuelle Arbeiten im Kornhaus Rorschach. Der St.Galler Künstler untersucht dabei das ästhetische Potenzial von PET-Abfall.

Rorschach. Sanft schaukelnd treibt eine transparente Wolke auf dem Wasser. Sie geht nicht unter, sie löst sich nicht auf, sie steigt nicht empor. Sie ist einfach da, bewegt durch Wellen und Wind, begleitet von sphärischen Klängen.

Stefan Rohners jüngste Videoarbeit ist ebenso poetisch wie einfach, ebenso real wie rätselhaft. Der Ausgangsstoff ist wenig exotisch: transparente, zusammengeklebte PET-Verpackungen.

Was primär als Abfallproblem wahrgenommen wird, hat durchaus ästhetische Reize: PET lässt sich in nahezu jede Form bringen, ist leicht, farblos und lichtdurchlässig. Die Transparenz der schwimmenden Skulptur trifft sich mit jener des Wassers. Transformiert in eine Videoaufnahme kann sie der Betrachter sogar unter dem Wasser beobachten. Langsam wurde sie mit der Kamera von allen Seiten aufgenommen, aus der Ferne betrachtet und herangezoomt, bis ins Innerste hinein fokussiert und schliesslich geloopt.

Spiel mit den Medien

Aktuell treibt das PET-Objekt im Rorschacher Kornhaus im Rahmen einer Ausstellung des Vereins Kultur-Frühling Rorschach – gegenüber der Projektionsfläche öffnen Fenster den Blick zum wenige Meter entfernten Bodensee. Damit noch nicht genug, die Leinwand selber gehörte Stefan Rohners Onkel, der als Schiffsfotograf auf der Hamburg-Amerika-Linie die Reisen dokumentierte und auf eben jener Leinwand seine Vortragsbilder zeigte. Gar nicht so unwahrscheinlich also, dass hier bereits richtige Eisberge projiziert wurden, bevor nun Rohners eisberggleiche Skulptur hier zu sehen ist.

Es sind zahlreiche derartige Bezüge, die sich aus den Arbeiten ergeben. Und so ist denn auch der Haufen aus weissen Luftballons in weissen Plastiksäcken viel mehr als eine Kumulation eben dieser Dinge. Mühelos verwandelt er sich zu einem knisternden Berg aus Schneebällen, der in seiner Präsenz selbst neben der grossformatigen, tönenden Projektion besteht. Überhaupt ist das Spiel mit den Medien, die Überblendung der Ebenen ein Thema im Werk Stefan Rohners.

Monitorskulpturen

So existiert eigentlich jedes Werk in mehreren Phasen, beginnend mit seiner Herstellung, die dem St.Galler Künstler nicht als reiner Akt des Machens gilt, sondern als Schöpfungsprozess wichtig ist. Nur so lässt sich das Material erfahren und transformieren. Dann gibt es die Phase der Installation und Aufnahme, wenn etwa der Mantel in einem Raum in Szene gesetzt und fotografiert wird oder die PET-Wolke im See baden darf. Schliesslich jedoch die fertige Arbeit, die wiederum das Objekt auf adäquate Weise präsentiert. Eine Spezialität von Rohner sind in Skulpturen verwandelte Monitorarbeiten. Und so flimmert auch im Kornhaus ein Video aus einer Röhre mit Silberfolie heraus. Alles in allem ist hier auf kleinem Raum ein homogenes ästhetisches Konzept in grosser medialer Vielfalt zu sehen.

Bis 13. Juni, Kornhaus Rorschach, Fr 14–20; Sa 11–20; So 11–18 Uhr; Sa 12.6., Künstlerapéro mit Musik von Karin Streule und Enrico Lenzin (Duo Jodelscat), 11 Uhr

Nadia Veronese

3. 6. 2010

Stefan Rohner – Plastikengel

Wie ein mächtiger Eisberg treibt eine aus transparentem PET-Material zusammengeklebte Struktur auf dem Wasser. Begleitet von mystischem Sirenengesang der Innerrhoderin Karin Streule, folgt die Kamera, knapp über und unter der Wasseroberfläche, den Windungen des Polyesterkonstruktes. Wie die mythischen Mischwesen mit göttlicher Stimme die Seefahrer in die Klippen lockten und scheitern liessen, scheinen die sphärischen Klänge in der Videoarbeit Ohne Titel (2010) die Gefahren heutiger Umweltschadstoffe und das Ungleichgewicht des ökologischen Systems zu beschwören. Über Jahre hat Stefan Rohner Verbrauchsmaterial aus Kunststoff gesammelt, fasziniert von der Beschaffenheit von Material und Form. Entstanden ist ein überdimensioniertes und molekülartiges Gebilde, das im Plastikzeitalter an die Problematik treibender Abfallpartikel auf den Weltozeanen gemahnt. Der ozeanische Meereswirbel findet seinen Gegenpart im Videoobjekt Kaleidoskop (2010). Industriell gefertigte Kunststofferzeugnisse und Gegenstände aus dem alltäglichen Gebrauch lässt Stefan Rohner in Stop-Motion in einem mit Aluminiumfolie ausgekleideten Rohr kreisen und ein optisches Gerät simulieren. Am Boden skulptural arrangiert, türmen sich mit Luft gefüllte, handelsübliche Plastiktüten zu einem lockeren Gefüge. Die Arbeit Ohne Titel (2010) zitiert mit Humor und Leichtigkeit eine künstliche (Sirenen-)Insel. Wie ein hell leuchtender Engel breitet in Ohne Titel (2010) ein schwebender Plastikkörper seine Flügel über die Errungenschaften aus organischem Polymer – ein Stoff, der im Alltag fast nicht mehr wegzudenken ist.

St.Galler Tagblatt | 29. Dezemeber, 2008

von Brigitte Schmid-Gugler

WARTENSEE. Wie ein Pausenclown kommt er einem vor in seinen «inszenierten Kleinstepisoden» auf Schloss Wartensee. Wie einer, der sich nur ein ganz klein wenig bei seinen Spielereien entdeckt fühlt, und dann über sich lachen kann.

Dass er am Schluss seines Rundgangs erwähnt, er hätte früher einmal den Traum gehabt, Schauspieler zu werden, erstaunt kein bisschen. Je weiter der Fotokünstler Stefan Rohner seine Arbeiten treibt, desto deutlicher scheint er sich diesem alten Traum – zumindest fototechnisch – wieder zu nähern. Wie ein kleiner Einmannbetrieb schafft er sich Bühne, Requisiten, Kostüme, Licht und setzt die zur Aufführung gelangenden Stücklein auch noch gleich selber um. Auf Schloss Wartensee hat Elisabeth Keller-Schweizer dem Künstler eine Schau ausgerichtet, die von solchen kleinen «Theäterchen» erzählt. Auf die grossformatigen Malereien, die Stefan Rohner seit einigen Jahren ebenfalls schafft, hat die Kuratorin bewusst verzichtet. Mittels kleinen Marderhaarpinselchen malt er vorher fotografierte und später an die Wand projizierte Bilder in der Dunkelheit auf Leinwand.

Dieser, wie Stefan Rohner es bezeichnet, meditative Akt wiederum erinnert an das in den 1970er- Jahren noch angewendete Retuschieren. Es waren die Jahre, als er sein Fotohandwerk erlernte, das er längst zur Kunst verfeinert und entwickelt hat. Zu keiner Zeit hat er sich von herkömmlichen Techniken verabschiedet, vielmehr ergänzt er entsprechend seiner Absicht einzelne Serien durch Video und digitale Fotografie. Viele seiner Bilder werden in der Dunkelkammer nachbearbeitet oder überhaupt erst auf dem Negativ «sichtbar». Aus Stefan Rohners Arbeit spricht immer der dynamische Prozess – ausprobieren, (sich) in Szene setzen, verändern, sich überraschen lassen. Oft vermittelt der überraschte Blick des «Täters» den Eindruck, sein Gesicht hätte sich versehentlich ins Bild geschlichen.

Witz und Nostalgie

Die Auswahl der Werke auf Wartensee beschränken sich ausschliesslich auf Fotoarbeiten der vergangenen zehn Jahre. Rohners Vorliebe zur Selbstdarstellung liegt nichts Narzisstisches, sondern ein gewichtig Mass an Selbstironie, Spiel- und Experimentierlust zugrunde. Man schmunzelt, kaum betritt man vom Foyer her den ersten Raum. In einer Dreierserie von sogenannten Flip-Bildern, «bewegten» Selbstporträts nimmt der Künstler die Betrachtenden mit einem konstanten Kopfschütteln ins Visier.

Daneben erinnern seine «Filmstills» an Reisen Ende der 1990er-Jahre. Es sind Aufnahmen, wie man sie von Rohner kennt: Bildverschnitte und Objekte, an denen nostalgische «Herzwärme» klebt. Alte Bettflaschen, eine Giesskanne, ein Kanister, der dem Vater gehörte, umspült von Wasser. Darauf die Beine eines Mannes. Es sind Schnappschüsse voller Melancholie und spitzbübischem Charme, wenn Rohner Gesetzmässigkeiten und vermeintliche Berechenbarkeiten immer wieder bricht. Das Auge bleibt an irritierenden Details hängen, der Kopf versucht das Vorgehen einzustufen, das Rohner nicht als Beobachter festhält, sondern als Akteur selber «inszeniert».

Irritationen

Bei ihm werden scheinbare Bagatellen zu Wundertüten. Wie bei Roman Signer, den er während über zwanzig Jahren fotografisch begleitete. Inzwischen hat sich Rohner längst vom grossen Vorbild emanzipiert. Er bedient das Medium der Fotografie wie ein wissenschaftlicher Harlekin, setzt farbige Elemente nur dort ein, wo sie der Bildaussage das Abstraktum, den Märchenstoff abzuluchsen vermögen. Da fliegt ein Stuhl ins Bild oder aus ihm heraus, dort brechen Eisbär und Kaninchen ein in eine geordnete Welt. Oft stellen Rohners Bildmotive eine assoziativ mehrschichtig unterlegte Situationen her und lenken mit ihrem installativen und perspektivischen Charakter ab vom eigentlichen Gegenstand. In der Serie «Gas», verschiebt sich das Erzählmoment von der monströsen mit Gas gefüllten Kugel unter dem weissen Himmel von der Kugel auf den Mann, der diese besteigt.

Wie kleine Filmchen

Im oberen Stockwerk verleitet die Serie mit den drei in einen Kübel mit weisser Farbe getauchten Plastikfische zur Gedankenbrücke «Fischli/Weiss». Der Farbe Rot gelten aus ihrer Funktion gehobene Gegenstände; in scheinbar absurden Kombinationen arrangiert Rohner Bildansichten manchmal bis zu einem halben Tag, bis jedes Detail stimmt. Oft verwendet er Recyclingmaterial – PET-Flaschen, die in späteren Phasen als Installationen aus dem Bild «wachsen», und als eigenständige Objekte weiterbestehen. Mehrere Serien widmet der Künstler dem Thema «couple cabriole», wobei sich die Paar-Idee nicht ausschliesslich, aber auch aufs Zwischenmenschliche bezieht in der Form des von ihm häufig verwendeten «Verses» vom dreiteiligen Satzbau. Subjekte – ein Mann und eine Frau – werden jeweils an einem Ende der Röhre (Objekt) eingesogen beziehungsweise ausgestossen (Prädikat).

Die Kombinationen von Farben, Gegenständen und Szenen können wie kleine Filme gelesen werden, was dem humorvollen Melancholiker Stefan Rohner nur recht sein kann. Vor langer Zeit hat sich der mehrfach ausgezeichnete Künstler entschieden, nicht Schauspieler oder Filmer zu werden, sondern alles in einem, einer für alles zu sein. Und es gelingt ihm mit Schirm, Charme und – chapeau!

© St.Galler Tagblatt AG, 29. Dezember 2008

Kunst-Bulletin Schweiz | 6.2004

von Corinne Schatz

Stefan Rohner im Katharinen St.Gallen

Dass Haare auf Wickler zu drehen ein durchaus skulpturaler Vorgang sein kann, zeigt sich in der aktuellen Ausstellung von Stefan Rohner. Prächtig leuchten die roten Wickler zwischen glänzenden dunklen Haarsträhnen hervor. In einem Videoloop wird der kunstvolle Prozess auf eine Halbkugel projiziert, welche den Lockenschopf buchstäblich in den Raum hinauswachsen lässt.

Die Fotografie als flaches, statisches Bild interessiert den Berufs- und Kunstfotografen nicht. So experimentiert Stefan Rohner (*1959, St.Gallen) in seiner künstlerischen Arbeit mit ungewohnten Bildträgern und lässt beispielsweise im Flipbild eine rote Schaukel baumeln, setzt Prismawender ein oder in Bewegung gesetzte Diaprojektoren. In der Ausstellung in St.Gallen erweitert er das Spektrum durch plastische Projektionsflächen und das raumfüllende Geräusch von stürmischen Winden, die einem unermüdlich durch ein grell-weisses Niemandsland stapfenden und mit fliegenden, bunten Tüchern kämpfenden Wanderer entgegenfegen.

Häufiges Motiv in Rohners Fotografien ist die Bewegung. Bekannt sind seine wie Schnappschüsse wirkenden, aber präzise choreografierten Fotoperformances. Dafür schlüpft der Autor selbst in die Rolle einer Kunstfigur und tritt im blauen Hemd, mit blauer Brille, schwarzer Hose und gelegentlich mit Hut auf. Dabei erinnert er in seiner mimiklosen Ernsthaftigkeit ein wenig an Stummfilmhelden wie Buster Keaton. Kürzestgeschichten werden darin mehr initiiert als erzählt. Oft handelt es sich um Interaktionen des Protagonisten mit diversen Alltagsgegenständen, die in eher prekäre, manchmal auch groteske Situationen münden. So rollt er mit und über eine Pauke durch einen blauen Bildraum, als ob er schlafwandelnd über dieses ominöse Instrument aus seiner Kindheit gestolpert wäre.

Die leise Ironie, die seine Sketches prägen, taucht in Katharinen eher in der Präsentationsform als in den Sujets der Foto- und Videoarbeiten auf. So schwimmt nicht der Goldfisch in einem Glas, sondern der Schwimmer einer Angel in einer Styroporkugel. Die in Geduld und Meditation abgeschlossene Welt des Anglers am See erscheint in einem weissen Globus gefangen.

Stefan Rohners künstlerischer Ansatz zeichnet sich durch eine erfrischend ironische aber mitfühlende Gelassenheit aus, mit der er beobachtet, wie sich der Mensch – und auch die Kunst – redlich, aber oft erfolglos darum bemühen, auf würdevolle und überlegene Weise in der Welt zu agieren.

St.Galler Tagblatt | 9. August, 2003

von Ursula Badrutt Schoch

Vaduz ist im Jahr 2003 Gastgeber der Künstlerbegegnung der Internationalen Bodenseekonferenz (IBK). Aus allen Mitgliedsländern sind zwei Kunstschaffende ins Künstlerdorf eingeladen, wo sie ein Haus übernehmen, in dem sie fünf Tage künstlerisch arbeiten. In diesen Tagen gibts in Vaduz nicht nur einen Fürsten, sondern auch einen Prinzen und eine Prinzessin. Das Paar posiert auf Postkarten und Plakaten und stellt in ihrer Farben- und Perlenpracht und in ihrer Volksnähe die fürstlichen Vorbilder in den Schatten. Marianne Rinderknecht und Stefan Rohner, die Vertreter des Kantons St.Gallen an der diesjährigen Künstlerbegegnung, haben das «meet.einander» wörtlich genommen, sich zum temporären Künstlerpaar zusammengetan und nutzen ihre Atelierhäuschen gemeinsam, als Produktionsstätte das eine, als Kiosk, Bar, Gelateria das andere. Inspiriert von den liechtensteinischen Politstrukturen haben sie ihr Reich aufgebaut und werden es ausweiten. Der «www.happysugarplanet.li» ist eine schöne neue Welt, ein Schlaraffenland, in dem Eiscrème fliesst und aus Zuckerwürfeln Häuser werden. Und wer meint, das seien bloss computergenerierte Utopiegespinste, der darf sich am Kiosk mit verzuckerten Samen, Dienern und Nippsachen eindecken und sich selber seinen Happysugarplanet bauen. Und merkt, dass es im Märchenland nicht anders zu und her geht als im eigenen Alltag: Die süssen Momente sind von kurzer Dauer.

© St.Galler Tagblatt AG, 9. August 2003

St.Galler Tagblatt | 11. März, 2003

von Ulrike Henke

Im eigenen Lebensfilm
Stefan Rohner «on stage» – Ausstellung des St.Galler Fotografen in der Galerie Paul Hafner

Jede Fotokamera hat einen Sucher. Blickt der Fotograf hindurch, sieht er das, was sein Motiv werden könnte auf der anderen Seite der Kamera. Es gilt noch immer als Fehler, wenn die beiden Seiten nicht klar getrennt bleiben, der Fotograf selbst in seinen Aufnahmen zu sehen ist, und wenn es nur sein Schatten ist, der ins Bild fällt.

Der St.Galler Stefan Rohner aber verweigert sich diesem Tabu. Bei ihm steht der Apparat nicht mehr zwischen Motiv und Fotograf. Seit einigen Jahren schon spielt er auf ganz verschiedene Art und Weise in seinen eigenen Fotografien mit. Er mimt einen Bauarbeiter in allerlei skurrilen Situationen, agiert mit Alltäglichem wie Einkaufswagen, Plüschtieren und Bügeleisen auf ungewohnte Weise, montiert das eigene Antlitz in Schneekugeln und Osternester oder bändigt einen gelben Plastikschlauch, der sich wie eine Riesenschlange aufzuführen scheint. Und nie lässt er Zweifel aufkommen, dass er selbst es ist, der seine Werke belebt, denn seine blaue, runde Brille ist längst so etwas wie ein Markenzeichen.

Sich selbst vor der Linse

Noch bis vor kurzem liess sich Rohner, 1959 in Herisau geboren, stets bei seinen Fotografien helfen. Er beauftragte andere Fotografen, den Auslöser zu betätigen, bearbeitete seine Werke mit dem Computer nach oder bat Freunde, ihn zu begleiten und abzulichten. In seinen jüngsten Arbeiten hat Rohner nun den direktesten Weg eingeschlagen, den es gibt, um Fotograf und Motiv zugleich sein zu können, mit einer Technik, wie sie wohl so einigen verwackelten Urlaubsbildern zugrunde liegt, wenn der Kamerabesitzer selbst mit aufs Bild wollte: mit der Kamera in der ausgestreckten Hand, dem Finger auf dem Auslöser und dem Blick in Richtung Objektiv. In der aktuellen Ausstellung in der Galerie Paul Hafner zeigt Stefan Rohner die 54-teilige Serie «Filmstills / Selfportraits». Fast alle Bilder entstanden auf die beschriebene Weise und unterscheiden sich doch erheblich von den Selbstportraits der Gelegenheitsknipser. Rohner trägt seit zwei Jahren bei ausgewählten Gelegenheiten eine Weitwinkelkamera mit sich und stellt so die Bilder in ein Spannungsfeld zwischen Inszenierung und Zufall.

Wunschberuf Schauspieler

Er selbst bezeichnet die Serie als eine Art «autobiographisches Theater» und deutet damit bereits auf die ihr innewohnende Ambivalenz. Zum einen sieht der Betrachter Momentaufnahmen eines realen Lebens, doch immer bleibt im Bewusstsein, dass 54 Aufnahmen aus zwei Jahren nur eine sehr begrenzte Auswahl an Momenten festhalten können. Rohner, der gerne Schauspieler geworden wäre, doch dem Wunsch der Eltern folgte, einen «rechten Beruf» zu erlernen, spielt sich selbst in einer Reihe ausgewählter Szenen. Sie zeigen einen Menschen unterwegs und damit zugleich ein Panorama zeitgenössischen Lebens. Es reicht vom Rostbratwurstverkäufer im Berliner Regen über den Strassenmusiker vorm Kölner Dom bis zum Punkerpärchen vor der Pariser Brasserie. Ob in Zürich, London, Dresden oder Trogen: Rohner vermischt Unspektakuläres mit Besonderem und zeichnet damit ein facettenreiches Bild seiner Umgebung. In der Gesamtheit haftet seinem Werk etwas Philosophisches an. Der Mensch kann hier beinahe beiläufig seine Geschichte bis zu den Anfängen zurückverfolgen und sie in nächster Nähe zu vermeintlichen zivilisatorischen Errungenschaften sehen. Die Serie funktioniert sowohl als Abbild eines grossen Ganzen wie als persönlicher Lebensfilm. Rohner vergleicht sie mit den autobiographischen Sequenzen, wie sie von Menschen auf der Schwelle vom Leben zum Tod in Sekundenbruchteilen wahrgenommen werden: Wir stehen jetzt auf einer Bühne, aber den Film sehen wir im letzten Augenblick.

Bis 19. April 2003, Galerie Paul Hafner, altes Lagerhaus, Davidstrasse 40, St.Gallen

Stichwort: Filmstills Die derzeit bei Paul Hafner eingerichtete Ausstellung gewährt Einblick in Stefan Rohners Projekt «Filmstills» mit 50 gross-formatigen Selbstporträts. Dafür konnte Rohner im vergangenen Jahr einen Werkbeitrag der Stadt St.Gallen entgegen nehmen. Der Fotokünstler mit Studio in St.Gallen-Bruggen hat sich in jüngster Zeit international einen Namen gemacht. Im Jahr 2000 erhielt er für seine Serie «Selbstporträts/Kurzperformances» den Interartes-Fotopreis für konzeptionelle Fotografie. (mel)

© St.Galler Tagblatt AG, 11. März 2003

Text zur Ausstellung «disappear»
Kunsthalle Wil 2003 | von Frank Nievergelt

Blau oder die Kunst des Verschwindens

Blau erscheint die Welt aus grosser Distanz, blau erstrecken sich die Gebirgszüge am fernen Horizont, wo Himmel und Erde zusammentreffen. Blau ist seine Lieblingsfarbe und er ist ein Abenteurer im Reich der Fotografie: Stefan Rohner ist Akteur und Fotograf zugleich, im blauen Hemd ist er sein eigenes Modell. Sein Verhältnis zur Fotografie ist das eines Künstlers zu seinem Werkstoff. Die Welt, die sich in seinen Werken eröffnet, ist eine Welt der Kunst, betörend und überraschend. Mit dem festgefahrenen Koordinatensystem konventioneller Wahrnehmungserwartung kann man diesen Fotoarbeiten nicht beikommen. Um die künstlerischen Möglichkeiten der Fotografie auszuloten, bedient sich Stefan Rohner häufig der Bildreihe. Er selbst spricht dabei gerne von «Standfotos aus dem Lebensfilm». Dieser berichtet mit viel Phantasie und feinem Humor von unseren Hoffnungen und Sehnsüchten, von der steten Veränderung alles Materiellen.

Vergänglichkeit und Veränderung sind gerade bei der Fotografie als Kunstwerk ein viel diskutiertes Problem. Da die Farbvergrösserung eine relativ junge Erfindung ist, fehlt zur Beurteilung ihrer Haltbarkeit die Erfahrung. Zum Thema «Verschwinden» hat Stefan Rohner neue Arbeiten geschaffen und bestehende unter diesem Aspekt zusammengestellt. Als Prolog zur Ausstellung zeigt er in gewohnt mehrdeutiger Art Beispiele ausgebleichter Fotografien: Werbesteller aus Schaufenstern und Kalenderbilder mit Berglandschaften. Die bis auf die blaue Farbe verblichenen Bilder fand Stefan Rohner in den Garderoben stillgelegter Fabriken als verblasste Erinnerungen an die dort einmal ein- und ausgehenden Menschen mit ihrer Sehnsucht nach schneebedeckten Bergen. Mit der Grossvergrösserung «UV-Test mit RGB», die Stefan Rohner in roten Kleidern, Anina Schenker in grünen und zwischen ihnen ein dickes blaues Kabel, senkrecht aufgerichtet wie im Seiltrick zeigt, wollte der Künstler die Wirkung von UV-Strahlung, Wind und Wetter auf die Farbfotografie demonstrieren. Am Ort der Aufnahme vor der Säntisbahnstation auf dem Gipfel, der Witterung ausgesetzt, bleicht das Werk vor sich hin. Die bisherigen drei Monate reichten noch nicht aus, um den für «disappear» gewünschten Alterungseffekt zu erzielen.

Eine Videoarbeit zeigt einen Blick in den blauen Himmel – Düsenjets dringen in den Bildraum ein und verlassen ihn wieder. Zurück bleiben sich langsam auflösende Kondensstreifen als Spur, als Erinnerung an den Vorbeiflug. Das Flugzeug ist aus unserem Blickfeld verschwunden, aber wir wissen natürlich, dass es mit seinen Passagieren noch irgendwo in der Ferne existiert. Das Video wird zur modernen Metapher für die Lebensreise mit den neuen Dimensionen von Distanz und Geschwindigkeit und dem alten Hinweis auf die Vergänglichkeit des menschlichen Lebens. Bei aller Schönheit der Bilder dringt der Aspekt der negativen Folgen von ungehemmter Mobilität ins Bewusstsein.

Dass die traditionelle Fotografie mit einer Reihe von chemischen Prozessen unter Lichteinwirkung zu tun hat, wird in der Videoinstallation «Solarisation» verdeutlicht. Zu sehen ist der Entwicklungsvorgang einer Schwarzweissfotografie. Langsam erscheint auf dem lichtempfindlichen Fotopapier im Entwicklunsgsbad das Bild einer in ihrem Bett schlafenden Frau. Die «Solarisation» – ein kurzer, blitzartiger Lichtstrahl in der Dunkelkammer – löst eine Metamorphose aus. Das eigentliche Foto verschwindet und es bildet sich allmählich die völlig unwirkliche Ansicht: halb negativ, halb positiv einer wie aus Nebelschwaden sich formenden Vision einer Frau, von der eine seltsame Lichtaura ausgeht. Das Video als autonome Arbeit schildert den Prozess vom Werden und Vergehen und von der Umwandlung eines Bildes, das als Unikatfotografie ebenfalls zu sehen ist. Auf Zeit versteht sich, denn kaum ist die Fotografie entstanden, beginnt sie zu altern, es setzen unmerklich neue Veränderungen ein. Die Abbildung wird aufhellend ausgelöscht.

Weitere Facetten von «disappear» werden veranschaulicht durch Bildinszenierungen. Der Künstler agiert vor der eigenen Kamera. Es entstehen jedoch keine eigentlichen Selbstporträts, sondern Darstellungen allgemein menschlicher Züge. Mit seinem blauen Hemd, den schwarzen Jeans und oft einem Hut zeigt er als seine eigene Kunstfigur den irgendwie schwierigen Umgang mit Alltagssituationen. Mit seinen im Kunstwerk umgesetzten Beobachtungen der Umwelt erweist sich Stefan Rohner als Meister der Kurz- und Kürzestgeschichte. Wie die grossen Könner der Pantomime zeigt er das Absurde im Alltäglichen, die Auseinandersetzung mit den Tücken des Gewöhnlichen. Gerade in der vermeintlichen Vordergründigkeit, im Unspektakulären liegt der Stachel dieser Fotoarbeiten. Das Werk «Vogel» zeigt den Künstler von hinten in hellblauem Licht mit den Armen rudernd als wären es Flügel, die ihm das Abheben in die Luft ermöglichen würden. Gerade seine simple, ungekünstelte Darstellung vermag die Sehnsucht nach Schwerelosigkeit, nach dem Fliegen, umso eindringlicher zu beschwören. Vom einen Fuss schlängelt sich ein Kabel zum Bildrand: Steht der Mann unter Strom oder betätigt er einfach den Auslöser der ihn festhaltenden Kamera? Aus der Realität hat sich der Künstler in den blauen Raum melancholischer Bildpoesie versetzt.

Die schwarzweisse Bildreihe «Ufo» erzählt in sechs Bildern die wundersame Metamorphose des Künstlers in ein fliegendes Objekt, das zu rotieren scheint. In der ersten Sequenz erscheinen zwei Stefan Rohner am linken und rechten Bildrand mit dem Fotoapparat vor dem Bauch. Zum siamesischen Zwilling verschmelzen die beiden in den Bildern zwei und drei. In Folge fünf und sechs überschlagen sich die Ereignisse: Zuerst hebt der Kopf ab und entschwebt, das sechste Bild zeigt an Stelle des vollends von der Bildfläche verschwundenen Fotografen ein fliegendes Ufo im leeren Raum. Die von Neugier, Phantasie und Humor zeugende Hohlspiegelgeschichte hat es in sich, denn der Spiegel ist ein altes Symbol für die Flüchtigkeit des Lebens; er hält nichts auf Dauer fest.

So lange der Künstler lebend auf der Erde anwesend ist, kann er die Endlichkeit allen Tuns und Seins thematisieren und gleichzeitig mit jedem neuen Werk am Turm seiner Unsterblichkeit weiterbauen. Noch ist Stefan Rohner hier und schaut in der Arbeit «Rakete» mit seiner roten Skimütze aus dem Bullauge des schlanken Flugkörpers. Hinter ihm leuchtet über einer Wüstenlandschaft der nächtliche Sternenhimmel. Mit dem Wunsch abzuheben und dem Ruf der Sterne folgend in der Unendlichkeit des blauen Alles zu veschwinden, erhält die Inszenierung ihre Ausweitung ins Kosmische. Und wir werden in den Sehnsuchtsraum der Ironie von Stefan Rohner versetzt.

Text zur Ausstellung «54 Selbstportraits» | 2003

von Gianni Jetzer

Stefan Rohners privater Fotojournalismus

Stefan Rohner ist oft unterwegs und beobachtet viel. Mitunter sich selbst im Alltag, auf Ausflügen, mit Freunden, in Innenräumen, in der Stadt, unter Wasser. Es sind keine narzisstischen Porträts, sondern Stills aus einem Lebensfilm. Der Künstler gibt unumwunden zu, dass es auch praktische Gründe gewesen sind, die ihn dazu bewogen haben, sich selbst zu seinem Lieblingsmodell zu erklären. Was formal als Schnappschüsse missverstanden werden könnten, sind inszenierte Fotos, blitzschnell im Kopf entworfen und trotzdem aus einem Stück Lebensrealität heraus entwickelt. Dokumentationen mit einem Schuss Fiktion und Erzählgeist. Ein fotografisches Tagebuch. Eine Art privater Fotojournalismus. Reportagen über die Ränder des banalen Alltages hinaus, in eine imaginierte Welt.

Als Wiedererkennungszeichen dient der Hut, die blaue Brille und die sanften Augen. Eine stille Figur begleiten wir. Ein bisschen Working class scheint durch, Anklänge an die «Living Sculptures» von Gilbert&George – nur viel mehr casual, gemütlicher. Eine Anlehnung an seine früheren Arbeiten findet sich in den slapstickartigen Posen und der Absurdität der gewählten Blickwinkel. Die Raketen im Bildhintergrund etwa, die man in ihrer Himmelgewandtheit nur erahnen kann, oder den durch die optische Brechung des Wasser flachgedrückte Körper des Künstlers. Der Weitwinkel ist immer im Einsatz und zeigt uns als Still mehr als wir je im Bruchteil einer Sekunde wahrnehmen könnten. Plötzlich diese Übersicht …

Die Fotos von Stefan Rohner haben oft etwas Verspieltes. Die Freude am Experiment drückt durch. Der Versuch an der Grenze des Darstellbaren zu Fotografieren, bringt Dynamik in seine Position. Auch wenn der Mann mit dem Hut eine eher bedächtige Gangart anzuschlagen scheint, ist er im Geist hellwach, inszeniert geschickt aus der Bildmitte heraus, stellt sich schlafend, fordert heraus. Diese Passion gleichzeitig vor und hinter der Kamera zu stehen, beherrscht Stefan Rohner wie kein anderer. Er drängt sich nie auf und ist doch allgegenwärtig, bleibt mysteriös und doch sympathisch. Im Gegensatz zum Fotojournalismus der Massenmedien verschliesst Stefan Rohner seine Bilder nicht mit Bedeutung, sondern öffnet sie für persönliche Lesarten und eigene Gefühle.

Basler Zeitung | Magazin No. 35/2.9.2000

von Ursula Badrutt Schoch

Stefan Rohner – Auf der Schaukel des Alltags

Stefan Rohner spielt mit den alten und vertrauten Dingen im Leben. Er baut damit irritierende Bilder, die zwischen Harmlosigkeit und Beunruhigung pendeln. Mit hintergründigem Humor werden verborgene Sehnsüchte nach der Idylle eines nie dagewesenen Paradieses und einer selbstgerechten Unbeschwertheit aufgedeckt. 1959 in Herisau geboren absolvierte Stefan Rohner eine Fotografenlehre in Fribourg. Bereits sein Grossvater war Fotograf, im Oberengadin, und auch seine Mutter war ausgebildete Fotografin. «So wurde halt eines ihrer sieben Kinder auch Fotograf», meint Stefan Rohner zu seiner Berufswahl. Seit über 10 Jahren dokumentiert er die Arbeiten von Künstlerkollegen – allen voran Roman Signer. In seinen eigenen künstlerischen Arbeiten erfüllt er sich virtuell und mit feiner Ironie durchbrochen die Träume aus der Kindheit. Er wollte einmal Schauspieler werden, Tänzer, Sänger, ein Beatle sein und das Leben auf der Bühne leben. Clown, Baggerführer, Astronaut und Indianer.

Als Foto-Performer stehen ihm heute – wie dem Kind von damals, das die Freizeit am liebsten auf der schwingenden Schaukel verbrachte – alle Möglichkeiten offen. In seinem Atelier in St.Gallen, draussen in der Landschaft, im Appenzellerland, am Bodensee oder auch mal auf grösseren Reisen findet der aufmerksame Beobachter zu künstlerischen Umsetzungen von Empfindungen und Ideen, die er zuvor oft lang mit sich herumgetragen hat. Manchmal sind es Schnappschüsse, die ebenso präzis wie unfassbar den Ambiguitäten des Menschseins nachspüren. Häufiger aber schlüpft Stefan Rohner selber in die unterschiedlichsten Rollen und unterlegt den scheinbar harmlosen Bildfindungen die schwierige Frage nach dem Wesentlichen im Leben.

Ob vorgefunden, konstruiert oder digital bearbeitet, ob im herkömmlichen Tafelbildformat, als Fotoobjekt oder in raumgreifender Auslegung – seine Werke haben installativen Charakter und verbinden sich über motivische Gemeinsamkeiten zu Serien. Raschen Entwurfsskizzen folgen sorgfältige Inszenierungen. Seine Fotoarbeiten bezeichnet der Künstler als Standbilder aus einem Stummfilm, als eine Art Performances, die ohne Publikum im Atelier oder im Freien stattgefunden haben, und von denen wir nur einen Ausschnitt zu sehen bekommen. Zwar tritt Stefan Rohner meist selber als Akteur auf, doch bleibt seine Gestalt fragmentiert, unscharf oder bloss ein Schatten.

Die Gegenstände in seinen Bildern sind benennbar, die Tätigkeiten unspektakulär, die Farbigkeit auf ausgewählte Töne reduziert. Mit wenigen Utensilien, mit Bettflasche, Benzinkanister, Schubkarre, versteht es Stefan Rohner, die grossen Widersprüchlichkeiten in den kleinen Absurditäten unseres Alltags zu visualisieren und für neuartige Erfahrung umzuformen. In der unerwarteten Kombination und in der rätselhaften Sinnlosigkeit der Handlungen liegt ein surreales Potential, das über die Alltagswirklichkeit hinaus eine Befragung und Hinterfragung des Dargestellten und des eigenen selbstverständlichen Tuns evoziert. Titel wie «Ein Hügel», «Ein Weg», «Ein Teppich» der 1999 entstandenen Arbeiten lenken den Blick absichtsvoll vom scheinbar zentral dargestellten Motiv auf den Umraum. Durch diese Irritation wird die Befragung der Beziehung zwischen den verschiedenen Bildkomponenten eröffnet. Die von ihrer angestammten Zweckgebundenheit enthobenen Gegenstände werden zu narrativen Metaphern, deren Deutung zeitsparenden Rationalisierungen gegen den Strich laufen. Durch beharrliches Giessen Blumen aus dem Asphalt spriessen lassen. Wärme für die heimatlichen Hügel spüren. Auf wackeligem Grund das Gleichgewicht halten. Der Natur mit der Leiter auf der Spur. Die Einsamkeit im Bett vergessen. Es sind gegenwartserfüllte ambivalente Sehnsüchte nach Geborgenheit, Wärme, Authentizität und Nähe, die mit Gefühlen von Angst und Leere, mit Ersatzbefriedigung, Oberflächlichkeit, und Verletzlichkeit gekoppelt sind. Mit ähnlichen formalen Mitteln, aber noch ohne die spätere visionäre Kraft, ist diese poetische Subversion des Alltags bereits in einer Serie von Schwarzweissfotografien aus dem Jahre 1992 enthalten. Eiszapfen und Gemüseraffel finden hier zueinander, glänzende Gabeln bilden einen elektrisierenden Strahlenkranz und die Bettflasche mutiert zum wärmenden Mutterbauch.

Die Harmlosigkeit der Bilder ködert unsern Blick. Doch gerade das unverdächtige Tun der zweckdienlichen Alltagswirklichkeit in Stefan Rohners Fotoarbeiten irritiert. Der ungewohnte Blickwinkel, aus dem uns Stefan Rohner seine und unsere eigene Welt vorführt, steigert die Aufmerksamkeit. Und Aufmerksamkeit brauchen wir. Denn die Lage ist prekär. Der Balanceakt zwischen Übermut und Depression, Genuss und Leid, Aufstieg und Absturz fordert höchste Konzentration. Der Künstler findet für die Widersprüchlichkeiten im Bedürfnis nach Sicherheit und der Lust am Risiko Geschichten von wohlkalkuliertert labilem Gleichgewicht.

Wie ein zeitgemässer Chaplin oder Keaton turnt Stefan Rohner durchs Leben, am Reck, am Boden, im Handstand. Mal leichtfüssig, mal aufdringlich ausdauernd. Die stummfilmartige Komik, mit der Stefan Rohner dem Freizeit- und Gesundheitswahn, der Eroberungssucht und dem Kontrollbedürfnis entgegentritt, die Ironie, mit der er die Zielstrebigkeit des Erfolgreichen unterwandert und bricht, und der Humor, mit dem er uns einen Spiegel hinhält, implizieren melancholische Nachdenklichkeit. Und Achtung! Die Abgründe sind nah und tief. Die Bilder vermitteln unausweichlich die Situation einer chronischen Gefährdung. Die Schaukel aus der Kindheit vermag keine umfassende Beruhigung zu spenden. Die sanfte Lakonie, mit der Stefan Rohner unsere Zeit visualisiert, legt das Paradoxe beinah schmerzlos, undogmatisch und ohne moralisierenden Beiklang offen. Die Vision liegt im gelassenen Erkennen und heiteren Akzeptieren.

Ursula Badrutt Schoch, geboren 1961 in Chur, ist Kunsthistorikerin und arbeitet als freie Kunstpublizistin und Kulturvermittlerin in St.Gallen, Der Text ist ein modifizierter Zusammenzug aus Beiträgen der Autorin in:

Manifest: «Meine Arbeiten sollen Möglichkeiten bieten, den Alltag aus einem anderen, ungewohnten und irritierenden Blickwinkel zu sehen, der zum Nachdenken und auch mal zum Schmunzeln anregt. Vielleicht ist dies heute eine Aufgabe der Kunst. Meine Fotografien sind Kurzperformances. Wenn ich selber immer wieder in meinen Bildern vorkomme, so geschieht dies einerseits aus praktisch-ökonomischen Gründen (ich stehe jederzeit und gratis zur Verfügung), andererseits sehe ich mich als Teil der Gesellschaft, die ich beobachte und visualisiere. Ich benütze oft Dinge, zu denen ich eine ganz intime Beziehung habe, die mich seit meiner Kindheit begleiten. Die Gegenstände in der Serie «Ein Hügel, eine Strasse, am See» gehörten mehrheitlich meinem Vater, der vor kurzem gestorben ist. Das ist mir aber erst nachträglich bewusst geworden. Meine Bilder, meine Performances haben viel mit meinem Leben und meinem Empfindungen zu tun. Ich bin getrieben vom Bestreben, genau jene empfindliche Konstellationen zu bauen, die im Sinne von Roland Barth eine innere Erregung, eine Beseelung, auslösen.»

Basler Zeitung | Magazin No. 35/2.9.2000 |

Ursula Badrutt Schoch

Stefan Rohner – Sur la balançoire du quotidien

Stefan Rohner joue avec les choses de la vie, familières et connues depuis toujours. Il les utilise pour construire des images déconcertantes, qui oscillent entre normalité et malaise. Avec un humour sous-jacent apparaît la nostalgie cachée et idyllique d’un paradis qui n’a jamais existé et d’une insouciance convaincue de sa propre infaillibilité. Né à Herisau en 1959, Stefan Rohner a fait un apprentissage de photographe à Fribourg. Sa mère et son grand-père étaient également photographes, ce dernier en Engadine. «Un des sept enfants de ma mère est alors également devenu photographe». C’est ainsi que Stefan Rohner explique son choix professionnel. Depuis plus de dix ans, il documente les travaux de ses collègues artistes, notamment Roman Signer. Dans ses propres œuvres, il réalise virtuellement et de manière finement ironique les rêves de son enfance. Il voulait devenir acteur, danseur, chanteur, être un Beatle et vivre sa vie sur scène. Clown, conducteur de pelle, astronaute et Indien. En tant que photographe, toutes les possibilités lui sont ouvertes, comme elles l’étaient à l’enfant d’autrefois, qui passait de préférence son temps libre sur une balançoire.

Dans son atelier de St-Gall, dehors dans la nature, dans le Pays d’Appenzell, au bord du lac de Constance ou parfois aussi lors de ses voyages, cet observateur attentif transforme en œuvre d’art les sensations et les idées qu’il porte souvent en lui depuis longtemps. Ce sont parfois des instantanés qui reflètent précisément mais de manière insaisissable les ambiguïtés de l’être humain. Plus souvent, Stefan Rohner se glisse lui-même dans les rôles les plus divers et, au-delà de ses créations en images apparemment innocentes, pose la question difficile de l’essence de la vie. Qu’elles soient réelles, construites ou digitalisées, sous forme traditionnelle de tableau, de photographie ou de composition occupant un certain espace, ses œuvres ont un caractère installatif et, reliées entre elles par des motifs communs, forment des séries. Des esquisses rapides précèdent des mises en scènes soignées.

L’artiste qualifie ses travaux photographiques d’arrêts sur image d’un film muet, une sorte d’Art Performances ayant eu lieu sans public en atelier ou dehors et dont nous ne voyons qu’un extrait. Même si Stefan Rohner en est le plus souvent l’acteur, son apparition reste fragmentée, indistincte ou en ombre, les objets de ses photos ont un nom, l’action est peu spectaculaire, la couleur ramenée à quelques tons seulement.

A l’aide d’un petit nombre d’ustensiles tels que bouillotte, jerricane, brouette, Stefan Rohner visualise les grandes contradictions dans les petites absurdités de notre vie quotidienne et les transforme en expérience nouvelle. La combinaison inattendue et le manque de sens énigmatique de l’action confèrent aux œuvres de l’artiste un potentiel surréel qui transcende la réalité quotidienne pour évoquer un questionnement du motif de l’œuvre et d’une action évidente par elle-même. Malgré des titres comme «Ein Hügel» («Une colline»), «Ein Weg» («Un chemin»), «Ein Teppich» («Un tapis») – 1999, ce n’est pas le motif apparemment central qui attire le regard, mais bien son environnement, provoquant une tension qui soulève la question de la relation entre les différents éléments de l’image. Les objets, isolés leur finalité propre, deviennent ainsi des métaphores narratives dont l’interprétation échappe à des rationalisations immédiates. Arroser obstinément l’asphalte jusqu’à en faire sortir des fleurs, ressentir une sensation de bien-être en contemplant les collines natales, maintenir son équilibre sur un sol mouvant, suivre les traces de la nature avec une échelle, oublier la solitude au lit, ce sont des sensations présentes et ambivalentes d’un manque, d’une tentative de retrouver un sens de protection, de chaleur, d’authenticité, de proximité tout en étant liées à des sentiments de peur, de vide, de recherche de satisfaction compensatoire, de superficialité et de vulnérabilité. Cette subversion poétique de la réalité quotidienne se retrouve déjà en partie et avec des moyens formels semblables dans une série de photographies en noir et blanc de 1993, mais sans la force visionnaire qui se manifestera par la suite. Pives de glace et râpes à légumes s’y côtoient, des fourchettes étincelantes forment une couronne de rayons électrisants, et la bouillotte devient ventre maternel réchauffant.

La banalité des images attire le regard, mais c’est justement le détournement d’une réalité quotidienne à l’abri de tout soupçon qui déconcerte dans les travaux photographiques de Stefan Rohner. L’angle inhabituel sous lequel il nous présente son monde qui est aussi le nôtre affûte l’attention. Nous en avons besoin. Car la situation est précaire. Le passage de l’exaltation à la dépression, du plaisir à la souffrance, de l’élévation à la chute exige une concentration maximale. L’artiste postule dans ses images un équilibre volontairement fragile permettant aux besoins contradictoires de sécurité et de goût du risque de s’exprimer. Tel un Chaplin ou un Keaton contemporains, Stefan Rohner fait sa gymnastique à travers la vie, à la barre fixe, par terre, sur les mains, tantôt à pas légers, tantôt obstinément importun.

Le comique rappelant le film muet avec lequel Stefan Rohner va à la rencontre d’une société folle de loisirs et de santé, de manie de conquête et de besoin de contrôle, l’ironie avec laquelle il sape et brise la détermination de qui est à la poursuite du succès et l’humour avec lequel il nous tend un miroir impliquent une mélancolie pensive. Mais attention ! L’abîme est proche et profond. Les images transmettent sans qu’on puisse y échapper une situation de danger permanent. La balançoire de l’enfance n’arrive pas à donner une paix complète. Stefan Rohner visualise notre temps avec une douceur laconique, en révélant le paradoxe presque sans douleur, sans connotation dogmatique et moralisante. Ce qui est visionnaire, c’est la prise de conscience tranquille et l’acceptation dans la joie.

Ursula Badrutt Schoch, née à Coire en 1961, est historienne d’art et travaille comme critique d’art et médiatrice culturelle à St-Gall, Suisse. Le texte est un condensé modifié d’articles parus dans:

Manifeste de l’auteur: «Mes travaux sont destinés à offrir la possibilité de voir la réalité sous un angle différent, inhabituel et déconcertant, incitant ainsi à réfléchir et parfois aussi à sourire. Ceci peut être une tâche de l’art d’aujourd’hui. Mes photographies sont de courtes performances. Si j’apparais toujours et encore dans mes images, c’est d’une part pour des motifs pratiques et économiques (je suis toujours disponible, gratuitement), d’autre part parce que je me vois comme partie de la société que j’observe et visualise. J’utilise souvent des objets avec lesquels j’ai une relation tout intime et qui m’accompagnent depuis mon enfance. Les objets de la série «Ein Hügel, eine Strasse, am See» («Une colline, une route, au bord du lac») appartenaient pour la plupart à mon père, qui est décédé il y a peu. Mais ce n’est qu’après coup que j’ai pris conscience de tout cela. Mes images, mes performances ont beaucoup à faire avec ma vie et mes sensations. C’est précisément vers le déclenchement de ce que Roland Barth appelle une excitation intérieure, un souffle nouveau que je tends lorsque j’essaie de construire ces constellations fragiles.

British Journal of Photography | vol. 149 no. 7380 (29.05.02), pp. 24–25 | by Carlotta Graedel Matthäi

Stefan Rohner – Poetry in motion

Swiss photo-artist Stefan Rohner has a fascination for capturing and simulating physical movement. Carlotta Graedel Matthäi spoke to him in his native Swiss German to find out more about his calling.

Rohner analyses the relation between motion and photography in the disguise of a Chaplinesque antihero who prances, runs, flies and jumps through life interacting with colourful everyday objects. Movement makes an unfocussed smear of this quirky figure, symbolic for the impossibility of fully grasping human nature from a psychological point of view. The human portrayed threatens to disappear from the picture surface because of his restlessness, like a naughty child refusing to sit still.

He worked his apprenticeship in Fribourg with an architecture and portrait specialist who had a preference for b&w photography. «I tried out many different paths and also worked for someone who made audio-visuals, which was important for my later work», he recalls, referring to the time immediately after he had mastered the basics of his profession. «At the same time», he adds, «I participated in international festivals for experimental work».

Independent since 1985, Rohner works from his studio in Saint Galle as a freelance photographer and artist. In particular, since 1988 Rohner has regularly documented Swiss artist Roman Signer's performances with dynamite and the four elements, capturing many of these actions in photo-sequences for exhibitions.

Rohner stages comedies of the situation with a pointer at the tribulations of life. «I try to tell short stories with my pictures», he says, and compares his images with «stills from a film that stimulate the viewer's fantasy». He adds: «I never want to present everything. I want people to ask questions like 'What happened before and what will follow?'» He defines the world in his imagery as «surreal», and describes it as «a construction intended to represent emotions or states». By which he means that he sets the scene, determines the props and then experiments within those boundaries.

The points of departure for many of Rohner's so-called «stills» are everyday objects that attract his attention, either because they have an appealing shape or because a special meaning or (childhood) memory is attached to them. For example; a bright red swing that used to lift him up into the skies, or the soothing hot water bottle that alleviated many an illness in his childhood. In one series, he staged individual scenes with skates, a ladder and a petrol can, among other things. These items had once belonged to his father, and it was Rohner's way of coming to terms with his death.

The artist tends to address the characteristics of each object in unexpected ways and places them in unusual contexts. He wears a hot-water bottle on his back, thus turning it into a rucksack, or pours water on asphalt from his father's watering can, as though that action might encourage some growth from the lifeless matter. Treading in the footsteps of the philosopher Roland Barthes, he humorously questions the certainty of meaning and the attribution of function to things.

Rohner, who is inspired by Buster Keaton and Charlie Chaplin, often works in the tradition of silent films. Like Chaplin, he slips into a characteristic «costume» – blue glasses and shirt, black trousers and shoes. Or, more recently, a blue wig and dressing gown and socks. In so doing he transforms himself into an anonymous human. «Theoretically, anybody could identify with the figure in the picture. Naturally, I visualise my feelings, but I do not wish to push forward my own personality», he explains.

After giving up on the idea of joining the Beatles in his youth, Rohner considered becoming an actor. «Possibly that is the reason for my performances», he suggests. As an actor performs on stage, so Rohner acts before his own camera. «The last time I performed before an audience was at school when I played a clown», he admits, and reveals that he now has more inhibitions, preferring solely to exhibit the resulting pictures. Formerly, he worked with models: «But it became just too complicated concerning rights and pay ... I am always available, and when I have an idea I can immediately set to work».

The cable belonging to the remote release can often be detected in Rohner's self-portraits. «I deliberately leave [it] in the picture so that it is apparent that I was the one who set off the delay timer. I occasionally also use a wireless remote control, which I can hide behind my back. In some images an assistant helped me. I place the camera on the tripod and prepare everything so that all the assistant has to do is press the button.»

There are, it seems, no limits to Rohner's experimental investigation into the phenomenon of movement. The captured motion introduces a sense of space and time into his imagery. He declares that «time is an important element in photography», though he is neither interested in historical time, nor are his images historical documents; he captures the passing of time per se.

Rohner has worked with a multitude of cameras and means of staging photographs. The movement performed by the likeable character is captured either in its entirety within one picture, or as a staccato of significant moments. «This looks just like a sequence from a video, even though it is pure photography», Rohner declares, pointing at a picture in which he is roller-skating. Using his most cherished cameras, a Nikon F4 and a Rollei 6006, he experiments with different exposure times, normally using lenses of 50mm and 85mm for the Nikon, and 80mm for the Rollei. Unsurprisingly, he has acquired a good feeling for time-related blurring effects. «I know that an eighth of a second will produce fuzziness every now and then; a quarter of a second is often too unfocused, so that I am almost see-through in the photo; a fifteenth of a second is already too short and I am too focused.» He usually selects a time between 1/8s and 2s, rarely more.

With a Russian Horizon panoramic camera, Rohner has the possibility of capturing different stages of a movement on one negative, without having to resort to multiple exposures. «The camera has a rotating optic where the lens pans about 120¡», he explains. For one self-portrait with the Horizon he turned the camera while the lens was rotating and walked on spot – all within an exposure time of about 2s. The picture was taken under neon light using Kodak T-Max 400.

Occasionally, Rohner simulates motion with the help of mechanical devices. In one case, he projected a picture of a swing on a wall, letting the projector itself swing to and fro. The artist also creates rotating prismatic displays using three photographs. In the work In Flight, for instance, he achieved the semblance of flight, with himself rising up vertically as the prisms rotate. And in the flip picture Shaking Cap, Rohner, clad in a fiery red cap, shakes his head at passing viewers. The installation Fish represents an even simpler means of reconstructing motion: a photograph of a fish printed on a flag flaps in the air current produced by a fan.

Though he sometimes works with digital cameras or scans his photographs, Rohner is cautious about manipulating images digitally for fear of being dishonest with his viewers. «I do not want to deceive them», he insists. But if, in a series, the tone of the background is not congruent he will adapt it. In general, however, he prefers his manipulations to be apparent, as in the picture in which Rohner jumps over his alter ego's back.

Such photomontages are made with the help of image processing software, rather than in the laboratory in the traditional way. In 2000, Rohner staged a car accident in which a toy car splashes into a puddle. He inserted a self-portrait taken with a Kodak DCS760 digital camera into the photograph of the plunging car, which was itself captured using the Rollei 6006.

Rohner works with whatever light is available. In those rare cases when he needs a flash, he uses a Nikon Speedlight SB25 that goes with the F4, or multiple monoblocs. In his studio he works with neon light – «so that I have flat light with a minimum of shadows». The habitual green cast of the neon is removed with the help of filters. When shooting outside he frequently uses Kodak E100VS, but inside prefers ISO200 Kodak colour negative film when there is neon light.

Rohner focuses on the essence of his images, avoiding what he calls «complicated pictures». With compositions based on the three elements – a neutral background, an object and a person – his images never feel cluttered. He is also moderate in his choice of colour, and has a preference for primary colours and appealing visual contrasts. «I started out with b&w photography, and in actual fact my photos now are like b&w pictures with a little added colour», he suggests, concluding, «this makes them seem more abstract».

Unusual though it may seem, Rohner sticks to photography in his artistic work despite his lack of interest for outer realities. «It is what I learnt as a profession», he reasons. «It may be a handicap, but it is also an opportunity to translate all my visions in that medium – and every now and then also with the help of video. I always make technical pictures because I am not a very good draughtsman». Nevertheless, Rohner admits that he likes to experiment and find out «what possibilities there are in photography». He adheres to no rules and declares: «I have the ambition to do something I have never seen before.» BJP

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